15.Oktober 2010
Es ist 7:30 Uhr morgens – mein Reisewecker und kurz darauf mein Handywecker klingeln und sagen mir und Eliza (meine Zimmermitbewohnerin) dass wir demnächst mal aufstehen und nach unten zu „Aunti“ und „Uncle“ (Niemand kennt ihre richtigen Namen..) gehen sollten um zu frühstücken.
Wir bleiben noch eine halbe Stunde liegen und sitzen schlussendlich dann um 20 nach 8 am Esstisch.
Uncle nutzt diese Zeit immer um sich nach unseren Zuständen zu erkunden („Everything good?“), während Aunti im Schneidersitz auf einem kleinen Teppich auf dem Küchenboden sitzt und das Essen vorbereitet. Sie haben zwar genauso eine Küchentheke, wie sie in den meisten deutschen Küchen zufinden ist, aber auf dem Boden ist es eben doch bequemer.
Nach dem Frühstück gehen wir noch schnell in unser Zimmer, duschen, packen die Dinge, die wir für den Vormittag brauchen werden ein (Trinkflaschen und für mich ein kleines medizinisches Englisch – Deutsch Wörterbuch) und schauen dann noch einmal bei unseren Gasteltern vorbei um unser Mittagsessen in den kleinen pinken Behältern abzuholen.
Circa 15 Minuten nach 9 Uhr stehen wir an der „Bushaltestelle“. Unsere Bushaltestelle (Mahathma Ghandi Nagar) ist um diese Zeit schon sehr belebt. Meistens müssen wir dann auf die Busse warten, weil soetwas wie einen Fahrplan gibt es hier nicht. Falls es doch zu lange dauert, nehmen wir eine der zahlreich rumstehenden Rikschas.
Wir können ziemlich individuell entscheiden, wann wir im Krankenhaus auftauchen und wieder gehen – wir könnten sogar gar nicht kommen, falls wir das wollen. Da es den Tag über jedoch so unerträglich warm im Zimmer ist (da hilft selbst der Ventilator auf der höchsten Stufe nicht mehr), bleibt man nur ungern zuhause..
Manchmal erwischen wir den Bus, der im Innenraum ein einziges Fest zu veranstalten scheint: überall hängen verschiedenfarbige Blumen von den Fenstern und der Decke, unzählige Götterbilder sehen die Menschen an, laute indische Musik ertönt aus den Lautsprechern und der Busfahrer hupt im Takt zur Musik mit (das fällt ja sowieso nicht auf, weil ja jeder auf den Straßen hupt).
Meistens jedoch steigen wir in den „ruhigeren“ Bus ein und finden manchmal sogar noch einen Platz. Die Busse in Madurai (wahrscheinlich auch im restlichen Indien) haben keine Türen, was allerdings gar nicht so schlecht in der Hinsicht ist, dass wir so etwas kühle Luft ins Gesicht geblasen bekommen.
Nach ca. 10 Minuten Fahrt und je nach Bus 3- 5 Rupies leichter müssen wir das letzte Stück noch zu Fuß laufen. (Zum Vergleich: 60,5 Rupies = 1 Euro, und eine Rikscha direkt vor das Krankenhaus kostet ca. 50 Rupies).
Wer schon einmal auf die Homepage des Krankenhauses geschaut hat, wird immer wieder auf dasselbe Gesicht stoßen: Dr. Saravanan. Auch wir sehen schon von weitem ein großes Banner die Außenwand des Krankenhauses hinunterwehen, auf dem uns Dr. Saravanan entgegenlächelt. Er scheint wirklich sehr von sich überzeugt zusein, denn auch im Krankenhaus findet man immer wieder, neben den zahllosen Aufforderungen den Tag z.B. immer mit einem Lächeln zu beginnen und Urkunden, sein Gesicht. Vielleicht hat er das aber auch verdient, denn das Saravana Hospital ist das beste Krankenhaus von ganz Madurai und Umgebung und, wie ihr euch ja sicher denken könnt, ist Dr. Saravanan der Gründer dieses Krankenhauses.
Meinen ersten Arbeitstag im Krankenhaus hatte ich am Dienstag, weil Eliza erst Montags ankam und wir so unseren ersten Tag gemeinsam hinter uns bringen konnten.
Wenn wir also Morgens hier ankommen, müssen wir zuerst Dr. Saravanan aufsuchen, der gerade von Krankenzimmer zu Krankenzimmer geht.
Wir stellen uns in die Gruppe von 3 bis 4 Krankenschwestern und sehen Dr. Saravanan zu, wie er sich mit den Patienten (leider auf Tamil) unterhält und sie untersucht. Soetwas wie das Arztgeheimnis gibt es Indien wohl nicht, denn sobald er fertig ist, dreht er sich zu uns um und erklärt uns auf Englisch, was dem Patienten passiert ist (es gibt sehr viele Menschen die Verkehrsunfälle hatten..) oder woran sie leiden und was er tun wird um sie wieder zu heilen. Für mich ist das nicht immer ganz so leicht, wie für die anderen, englischsprachigen Freiwilligenhelferinnen. Zum Einen verstehe ich viele englische Medizinbegriffe noch nicht und zum Anderen macht es einem der indische Akzent noch schwieriger das Ganze zu verstehen.
So arbeitet er sich dann durch die Krankenzimmer durch, bis wir schließlich auch die Intensivstation im untersten Stock hinter uns haben.
Dann kommt der Teil des Vormittages, an dem wir eher weniger zutun haben und der am wenigsten interessant ist: Die Sprechstunde (ich nehme an, dass es das ist).
Im Flur steht ein Plastiktisch mit einer bunten Tischdecke ( das kann man sich ungefähr so wie die Gartentische, wie sie viele Menschen in Deutschland auf der Terasse oder eben im Garten stehen haben, vorstellen). Auf diesem Tisch stehen schon seit morgens verschiedene Schüsseln mit Medikamenten, Spritzen und Impfflüssigkeiten (über die ich mich immer wieder wundere, ob der Wirkstoff in dieser Hitze überhaupt erhalten bleibt, da ich eigentlich davon ausging, dass so etwas immer kühl gelagert werden muss..)
Dr. Saravanan impft die sich um diesen Tisch drängelnden Inder nach der Reihe oder sieht nach ihnen – auch das ist weitentfernt von der Impfung wie wir sie in Deutschland „genießen“ dürfen. Ziemlich unsaft wird die Spritze in den Arm oder manchmal auch Hintern (ja, das macht er ganz offen auf dem Krankenhausflur) gerammt und die mit Alkohol getränkte Watte wird danach auf den Boden fallen gelassen. Obwohl das gar nicht der Behandlung entspricht, wie ein Arzt in Deutschland mit einem umzugehen hat, sieht man danach nur glückliche Gesichter und die Inder verbeugen sich mehrere Male vor Dr. Saravanan um ihre Dankbarkeit auszudrücken (Gestern brachte man ihm sogar einen Fruchtkorb als Dankeschön).
Natürlich sind die Impfungen nicht umsonst: das Geld wird in einer Plastikschachtel auf dem Tisch gesammelt.
Ich habe auf meiner Indien – Seite geschrieben, dass es sicher schade sein wird, dass dieses Krankenhaus ein privates Krankenhaus ist, da man hier eher mit der gehoberen Gesellschaft Indiens zutun hat und ich so nicht die „echte“ Bevölkerung kennen lerne – das muss ich wieder zurücknehmen. Die in großer Armut lebende Bevölkerungsschicht sieht man hier zwar dennoch nicht, jedoch werden trotzdem alle Menschen behandelt. Wer etwas mehr Geld hat erkennt man trotzdem sofort: Diese Menschen werden persönlich von Dr. Saravanan behandelt oder er unterhält sich eine Zeit mit ihnen, während die anderen von den Schwestern geimpft werden. Manche werden sich vielleicht fragen, was eigentlich unsere Aufgabe ist. Den Vormittag über haben wir in der Tat sehr wenig zutun. Ab und an lässt uns Dr. Saravanan den Bauch eines Patienten fühlen um uns zu verdeutlichen, was dieser hat oder eben, wie es gestern passiert ist, als er wollte, dass Eliza eine Patientin impft. Eliza hat mehrere Male beteuert, dass sie soetwas noch nie in ihrem Leben ansatzweiße gemacht habe, aber es schien wohl einer der geringvermögenderen Patienten zusein. Die Frau, als sie begriff, dass Eliza sie impfen sollte und nicht die Schwester, wehrte sich mit heftigen Händewedeln dagegen und setzte sich schließlich auch durch. Ich muss hier wirklich betonen, dass ich das dieser Frau voll und ganz nach empfinden konnte..!
Zwischen eins und halbeins Mittags können wir nach Hause gehen und zu mittagsessen.
Gegen halb 4 machen wir uns dann wieder auf den Weg: wieder mit dem überfülllten Bus und dann wieder den Rest zu Fuß laufen.
Ich werde das Ganze jetzt aus der Sicht schreiben, wie ich es am Dienstag, meinem ersten Tag erlebt habe.
Wir kommen im Krankenhaus an und werden gleich in einen Umkleideraum geführt. Mir wurde schon gesagt, dass Mittags die Operationen durchgeführt werden, doch bin ich zu dem Zeitpunkt wirklich davon ausgegangen, dass wir nur von außen zusehen dürfen, weil wir ja noch ganz neu sind. Im Umkleideraum lege ich meine Tasche in einen Spint und ziehe mir einen hellrosa (Bei uns sind diese Umhänge grün – hat bestimmt jeder schon einmal in einer Doku oder einer Fernsehserie gesehen) Umhang, eine grüne Kopfbedeckung und einen grünen Mundschutz an.
Dann wurde ich noch daurauf aufmerksam gemacht, dass ich im Op – Raum nur Flip – Flops tragen darf und da ich keine hatte, musste ich barfuß hineingehen.
Und was ich nachmittags erlebe, lässt die Überschrift „Mein Alltag im Saravana Hospital“ ziemlich unpassend erscheinen, denn das ist absolut kein Alltag.
Hier bestätigte sich im Übrigen auch mein Verdacht, dass es im Krankenhaus wohl nur einen Arzt zugeben scheint, der für alles zuständig ist.
Dr. Saravanan war bereits bei der Arbeit: gerade wurden einem Mann Lipophome aus Nacken und Arm herausoperiert. Mit einem Skalpell schnitt er dem Mann die oberste Hautschicht auf und arbeitete sich dann mit einem Gerät, dass die Haut „aufbrannte“ weiter in die Tiefe. Der Mann zuckte immer wieder und verzerrte das Gesicht – ich bin mir ziemlich unsicher ob er ausreichend betäubt worden ist.
Zu der sowieso schon üblen Mischung aus Schweiß, „Krankenhausgeruch“ und dem unaufhörlichen Piepsen der Geräte kam jetzt auch noch „verbranntes Fleisch“ hinzu und das erste, was ich dachte, war “ Ich muss hier raus, bevor ich noch umkippe“.
Ich blieb dennoch, weil ich das ja immerhin die nächsten 2 Monate tun werde müssen.
Danach bekam eine Frau den Uterus herausoperiert, was – wie ich inzwischen weiß – wohl die häufigsten Operationen sind. Die Eingeweide, die Dr. Saravanan dann herausoperiert hat, hält er dann zunächst ein paar Minuten in die Luft und erklärt uns in aller Ruhe, was man sehen kann und wo (meistens haben die Patienten Krebs, denn Dr. Saravanan ist auf Krebskrankheiten spezialisiert) sich der Tumor befindet, bevor er das Gewebe in eine Metallschüssel schmeißt (wo es manchmal mehrere Operationen lang liegen bleibt).
Mitten während der nächsten Operation, gab es einen Stromausfall (die gibt es in Indien merhmals täglich) und im ganzen Raum war es stockfinster, alle Geräte gingen aus. Das jedoch schien niemanden zu näher kümmern und alle verstarrten in der Stellung, in der sie gerade waren um nach 1 – 2 Minuten ganz normal weiterarbeiten zu können. Das ganze wiederholt sich an diesem Tag später nocheinmal…
Den größten Schock (an diesem Tag) bekam ich allerdings, als Dr. Saravanan mich kurz vor der nächsten Operation ansah und meinte, dass ich jetzt mithelfen sollte. Für mich stand das außer Frage, da ich mir das überhaupt nicht zutraute, schon allein weil ich Angst hatte, seine medizinisch – englisch – indischen Anweisungen nicht zu verstehen. Also musste Eliza ran, die das ganze auch das erste Mal machte, es allerdings lockerer sah. Sie musste dann mit einer großen Klemme die ganze Bauchdecke zurückhalten und hin und wieder das Blut absaugen.
Die Operation wird kurz unterbrochen, als eine Schwester hereinkommt und Dr. Saravanan ein Layout vor die Nase hält, auf dem ich (natürlich) sein Gesicht erkennen kann und links unten in der Ecke in gelben, dicken Buchstaben TV steht. Sie reden kurz über den Entwurf und dann setzt er seine Arbeit fort (falls also jemand von euch jemals auf diesen TV-Sender stößt – im Internet oder im Fernsehen – lasst es mich wissen! ![]()
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Solche Unterbrechungen gibt es bei den Operationen immer wieder.
Nach getaner Arbeit lässt man die blutigen Gummihandschuhe und Wattebällchen einfach auf den Boden fallen und geht ins Nachbarzimmer zur nächsten Operation.
An diesem Tag fragte er mich nocheinmal, ob ich mithelfen würde, aber auch das wollte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.
Den bisherigen Höhepunkt erlebte ich jedoch gestern.
Es stand mal wieder eine Uterusoperation an und man sollte wissen, dass der Patient, bevor er operiert wird, buchstäblich mit Betaisadonna (viele kennen das noch aus den frühen Kinderjahren unter dem Namen „Indianerfarbe“) überschüttet wird. Und damit meine ich wirklich überschüttet, weil die ganze Soße dann oft am Boden eine Pfütze bildet.
Dr. Saravanan „lötete“ zuerst wieder die Bauchdecke auf. Das an sich praktiziert er so immer und ich weiß nicht, ob es nicht vielleicht auch so in Deutschland gemacht wird (obwohl ich schon dachte, dass es so etwas wie Skalpelle gibt, die man dazu auch ganz gut benutzen kann). Für die Operation wird der ganz Körper des Patienten mit einer grünen Decke abgedeckt, sodass nur die Stelle, die operiert wird, herausschaut. Auf einmal fing jedoch diese Decke Feuer, da Dr. Saravanan versehentlich mit dem heißen Gerät daran gekommen war. Im sonst so ruhigen OP – Raum wurde es sehr unruhig und die Krankenschwestern versuchten hektisch das immer größer werdende Feuer auf dem Behandlungstisch zulöschen. Dies gelang ihnen nicht so ganz, denn auf einmal fing auch der Bauch der Frau, welcher ja zuvor mit Alkohol und Betaisadonna überschüttet worden war und sich so als ideale Brennpaste erwies, Feuer. Sofort kamen zwei Krankenschwester und fingen an wie wild, auf den Bauch der Patientin einzuschlagen und dieses Feuer zulöschen. Die brennende Decke, die inzwischen auf dem Boden lag, versuchte man mit einem Pinzettenschälchen voller bzw. etwas Wasser zu ersticken, was aber auch nicht gelang, da man dies daneben schüttete. Passend zu dem großen Chaos war das Feuer im Begriff auf die Maschinen und Schläuche überzugehen, sodass eine Schwester einfach nur alle Stecker herauszog.
Wir Freiwilligenhelfer kamen uns sehr fehl am Platz vor, wussten auch nicht, wie wir am Besten helfen konnten, ohne im Weg herrumzustehen.
Als der Doktor die Infusionsflasche über dem brennenden Tuch ausdrückte und auch die Frau gelöscht hatte, kehrte wieder Ruhe ein und mit einem neuen Tuch wurde die Operation wie eh und je fortgesetzt.
Da dies, wie erwähnt, das beste Krankenhaus hier in der Umgebung ist, möchte ich nach meinen Erlebnissen wirklich nicht wissen, wie es in den anderen zugeht, noch möchte ich jemals in die Lage geraten, hier operiert zuwerden..
Allerdings lernt man hier wirklich sehr viel, da man eben auch hautnah alles miterleben kann. Man kann sogar seinen Fotoapparat mit in den Operationsraum nehmen um das alles zu dokumentieren.
Und was mich am meisten überascht ist, wie dankbar die Menschen sind, dass sich jemand um ihre Gesudheit kümmert. Niemandem würde es hier, so mein Eindruck, jemals einfallen, sich zu beschweren oder eine Behandlung verweigern, weil es vielleicht zu schmerzhaft ist (einem Mann wurde beispielsweiße eine Eisenstange, die man oberhalb seines Knöchels quer durch den ganzen Fuß angebracht hatte – ich denke zur Stabilisation – ohne Betäubung herausgezogen. Obwohl er das Gesicht vor Schmerzen verzerrte, versuchte er ruhig zu bleiben), wie es in Deutschland mit Sicherheit wäre.
Gegen halb 8 Abends können wir das Krankenhaus verlassen und nach Hause fahren, wo uns Aunti schon mit dem Abendessen erwartet.


